Bleib absichtslos.
Harald Homberger
Wie kommt die Menschen-Bildhauerin zur Menschen-Begleiterin?
Ich möchte mit einem Zitat der Journalistin Susanne Schlenga beginnen: „Es ist nicht der Mensch als anatomischer Körper, der Brele Scholz in der Bildhauerei interessiert. Wenn sie in großen Baustämmen ihre Figuren findet, sind Liebe und Schmerz zu sehen, Lust, Gewalt und auch die Beschränktheit des Daseins. Durch die Hölzer, deren Eigenheiten Brele Scholz bei der Arbeit immer mitwirken lässt, entsteht eine Verbindung zwischen Versehrtheit und Schönheit, die sowohl erschreckend wie auch anziehend sein kann. Hier entsteht eine Verwandtschaft zum Menschen, von der die Betrachter berührt werden.“ Zitat Ende.
Dieser kurze Text drückt aus, was über 35 Jahre hinweg mein künstlerisches Interesse befeuert hat und eine nachhaltige Triebkraft war: Die Auseinandersetzung mit den emotionalen Zuständen des Menschen, mit seinen Abgründen und der gleichzeitig vorhandenen Widerstandskraft. Meine jahrzehntelange Beschäftigung mit diesen existenziellen Themen als freischaffenden Künstlerin bilden das Fundament für meine heutige Arbeit als Kunsttherapeutin und Familienaufstellerin.
Meine künstlerische Haltung entspricht meiner Haltung als Aufstellerin
Grundlegend ist die künstlerische Haltung eine offene. Kunst braucht Freiheit zur Entfaltung. Dabei ist folgendes von Bedeutung: wenn ein Baumstamm vor mit steht, benötige ich eine Vision der Figur, die im Stamm steckt. Erkennbar an einer von außen sichtbaren Kleinigkeit, ohne die ich jedoch nicht anfangen kann. Eine Armhaltung, eine Drehung im Körper, ein ausgestelltes Bein: Der Anfang eines Ariadnefadens, dem entlang ich durch ein rätselhaftes Labyrinth zur fertigen Figur finde. Im Vertrauen auf den Prozess zur guten Lösung gehe ich, wie blind, sägend und schnitzend in die Tiefe des Holzes. Interessant ist, dass ich den Ariadnefaden nicht selbst auslege, so wie Theseus ihn im Labyrinth des Minotaurus beim Hineingehen ausgelegt hat. Der Faden liegt schon da. Ich muss ihm nur folgen. Keinen fertigen Plan haben, aber dem Faden folgen, das ist mein Weg.
Die Haltung der Absichtslosigkeit
35 Jahre Übung in der freien, intuitiv spürenden künstlerischen Handlung gibt mir zusätzlich zu meinen Ausbildungen als Kunsttherapeutin und Familienaufstellerin eine enorme Sicherheit bei der Begleitung von Menschen und in der Leitung meiner Gruppen. Ich weiß durch Erfahrung, dass ich auf den Prozess zur guten Lösung vertrauen kann. Jedes Anliegen, mit dem Menschen zu mir kommen, ist aus sich selbst heraus bestrebt, sich zum Guten zu entwickeln. Dabei ist der erste Schritt die Entscheidung, selbstverantwortlich etwas ändern zu wollen. Der Ariadnefaden ist im Menschen selbst schon angelegt.
Ich bin als Aufstellungsleiterin in meiner Haltung absichtslos. Buddhisten nennen diese Haltung Anfängergeist, was ein offener, auf Zusammenarbeit gerichteter Zustand ist. Habe ich Absichten, so folge ich einem vorgefassten Bild und trage Eigenes in die Wirklichkeit der Aufstellung hinein. Nimmt die Leitende die Wirklichkeit der Aufstellung wie sie sich zeigt, ohne Wertung wahr, dann kann sich das wissende Feld aufbauen und die Bewegungen der Seele können sich voll entfalten.
Dem Ariadnefaden folgen - Aufstellungen in der Gruppe
Meine wichtigsten Instrumente in der Leitung einer Aufstellung sind das Herausarbeiten eines klaren Anliegens zu Beginn seitens des Menschen, der aufstellt und die bereits erwähnte Absichtslosigkeit in meiner Haltung während des Aufstellungsprozesses.
Die Aufstellung beginnt mit einem kurzen Vorgespräch mit dem Klienten – in Anwesenheit der Gruppe. Zunächst wird geklärt, worum es in der Aufstellung gehen soll. Ein klarer, positiv formulierter Auftrag erscheint mir die beste Basis für eine gute Lösung zu sein.
Nach der daraufhin folgenden Befragung zu den Verhältnissen und Ereignissen der jeweiligen Herkunftsfamilie benenne die für die Aufstellung relevanten Familienangehörigen. Das kann zu einer relativ großen generationsübergreifenden Gruppe von Aufzustellenden führen. Oft jedoch beginne ich klein. Es kommt bei allen möglichen Konstellationen darauf an, unbewusste Verstrickungen zu lösen, um so Handlungs- und Entwicklungsspielräume der Aufstellenden zu vergrößern.
Ab hier folgen wir dem inne liegenden Ariadnefaden der Aufstellenden. Meine Haltung der Absichtslosigkeit ist jetzt von Bedeutung. Meine Aufgabe liegt darin, die Menschen zu unterstützen, ihrem Faden zu folgen. Wo genau die Ursache für Verstrickungen und Blockaden liegt, gilt es nun behutsam herauszufinden. Ganz allgemein kann man sagen, dass es darum geht, anzuerkennen was war und sich dann aus Kindheitsmustern zu lösen.
Der Ablauf
Die Aufstellende wählt, auch für sich selbst, Stellvertretende aus der Runde derer, die gekommen sind und stellt sie in den Raum. Diese folgen ihren Bewegungen und Impulsen zunächst im Schweigen. Ein erstes Zustandsbild zeigt sich. Es folgt ein Prozess, der in jeder Aufstellung anders verläuft.
Im Laufe des Prozesses hole ich die Klientin in die Aufstellung, ihre Stellvertreterin wird aus ihrer Position entlassen. So kann sie eine neue innere Ordnung persönlich emotional und körperlich erfahren, kann lösende Sätze aussprechen oder eine innige Umarmung durch die Mutter nacherleben. Am Ende findet sich ein Schlussbild, das der Klientin eine neue, positive Perspektive auf ihr Leben ermöglicht, um sich stabiler, vollständiger und kraftvoller zu fühlen.
Wie schon ausgeführt ist Absichtslosigkeit bei dieser Arbeit grundlegend. Mir ist wichtig, dass ich bei mir einen auf Zusammenarbeit gerichteten, neugierigen und kreativen Geisteszustand aufrechterhalte – den Anfängergeist. Vorgefasste Antworten helfen nicht. Ehrlichkeit jedoch schon. Genaues hören, sehen, spüren. Darauf vertrauen, dass sich zeigt, was sich zeigen will. Ich bleibe während des gesamten Prozesses an der Seite meiner Klienten und behalte ihr Anliegen im Blick. Auf Wunsch begleite ich die Menschen in Vorgesprächen und in der Nachbearbeitung. Eine Nachbetreuung durch die Leitende einer Aufstellung sollte auf jeden Fall gewährleistet sein, wenn nicht eine andere Therapeutin oder ein Therapeut im Hintergrund ist.
Aufstellungen sind Selbsterfahrungsprozesse, die oft therapeutische Wirkung entfalten, eine Therapie aber nicht ersetzen können.
Brele Scholz